Lagerkosten Rechner

Sicherheitsbestand richtig dimensionieren

Der Sicherheitsbestand soll Lieferengpässe abfedern — wird aber in der Praxis fast immer aus dem Bauch heraus gewählt. Ergebnis: 30 – 50 % zu hoch, mit entsprechender Kapitalbindung. Hier die statistische Methode, die ohne Mathe-Studium funktioniert, und der Tradeoff zwischen Servicegrad und Kosten.

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Was ist Sicherheitsbestand?

Der Sicherheitsbestand ist der Mindestbestand, der das Lager vor Engpässen bei zwei Risiko-Quellen schützen soll:

  • Schwankender Verbrauch — die Nachfrage ist höher als prognostiziert
  • Schwankende Lieferzeit — der Lieferant ist später dran als erwartet

Wer keinen Sicherheitsbestand hat, riskiert Lieferunfähigkeit. Wer zu viel Sicherheitsbestand hat, bindet unnötig Kapital.

Die einfache Formel (ohne Statistik)

Sicherheitsbestand = Ø Tagesverbrauch × (max. Lieferzeit − Ø Lieferzeit)

Beispiel:

  • Tagesverbrauch: 50 Stück
  • Ø Lieferzeit: 10 Tage
  • Max. Lieferzeit (worst case): 14 Tage
  • Sicherheitsbestand = 50 × (14 − 10) = 200 Stück

Diese Formel ist konservativ — sie schützt vor jedem beobachteten Worst Case. In der Praxis führt das oft zu Überbeständen, weil seltene Extremwerte den Mittelwert verzerren.

Die statistische Formel

Sicherheitsbestand = z × σ × √Lieferzeit

Wobei:

  • z = Sicherheitsfaktor abhängig vom gewünschten Servicegrad
  • σ = Standardabweichung des täglichen Verbrauchs
  • √Lieferzeit = Wurzel aus der Lieferzeit in Tagen

Der z-Wert für den Servicegrad

Servicegradz-WertBedeutung
50 %0,00Lieferunfähigkeit in 50 % der Fälle (theoretisch)
90 %1,281 Lieferengpass von 10 Bestellzyklen
95 %1,651 von 20 (typisch für B-Artikel)
97,5 %1,961 von 40
99 %2,331 von 100 (typisch für A-Artikel)
99,9 %3,091 von 1 000 (kritische Versorgung)

Beispielrechnung

  • Ø Tagesverbrauch: 50 Stück
  • σ (Standardabweichung): 12 Stück (z. B. aus 60 Tagen Daten berechnet)
  • Lieferzeit: 10 Tage
  • Servicegrad-Ziel: 95 % → z = 1,65
  • Sicherheitsbestand = 1,65 × 12 × √10 = 1,65 × 12 × 3,16 ≈ 63 Stück

Vergleich: die einfache Formel hätte 200 Stück ergeben. Die statistische Methode kommt mit 63 Stück aus — bei 5 % akzeptiertem Lieferengpass-Risiko. Ersparnis: 137 Stück Bestand pro Artikel.

Servicegrad vs. Kapitalkosten — der Tradeoff

Die Kosten für Servicegrad-Erhöhung steigen exponentiell:

  • 90 % → 95 %: +29 % Sicherheitsbestand (z von 1,28 auf 1,65)
  • 95 % → 99 %: +41 % Sicherheitsbestand (z von 1,65 auf 2,33)
  • 99 % → 99,9 %: +33 % Sicherheitsbestand (z von 2,33 auf 3,09)

Faustregel: für A-Artikel 95 – 99 % ansetzen, für B-Artikel 90 – 95 %, für C-Artikel 85 – 90 % (oder ganz ohne Sicherheitsbestand). Sieh die ABC-Analyse.

Wann der Sicherheitsbestand neu berechnet werden muss

  • Bei Lieferantenwechsel — neue Lieferzeit, neue Volatilität
  • Bei strukturellem Verbrauchswandel — Saisongeschäft endet, Trend ändert sich
  • Mindestens jährlich — Datenbasis aktualisieren
  • Bei mehreren Lieferengpässen pro Jahr — Servicegrad zu niedrig oder σ unterschätzt
  • Bei wachsendem Bestand — Sicherheitsbestand zu hoch oder Verbrauch zu niedrig

Häufige Fehler

  1. σ aus zu wenig Daten — mindestens 30, besser 60 Tage Verbrauchsdaten verwenden
  2. Ausreißer einbeziehen — Sonderaktionen oder außergewöhnliche Bestellungen vorher rausrechnen
  3. Lieferzeit zu kurz angesetzt — die Auftragsbearbeitungszeit im eigenen Haus zählt mit (3 Tage Bestellrhythmus + 7 Tage Lieferzeit = 10 Tage)
  4. Eine Formel für alle Artikel — A, B, C brauchen unterschiedliche Servicegrade
  5. Statisch — nie nachjustiert — der Sicherheitsbestand wird vor 5 Jahren einmal festgelegt und nie wieder angefasst

Bestandsabbau in der Praxis

Wer von der Bauch-Methode auf die statistische Methode umstellt, reduziert den Sicherheitsbestand typisch um 30 – 50 %. Bei einem Lager mit 1 Mio € Ø Bestand, davon 30 % Sicherheitsbestand: Reduktionspotenzial 100 – 150 000 €. Bei 6 % Kalkulationszins ergibt das 6 – 9 000 € Kapitalbindung jährlich gespart — ohne Service-Verschlechterung.

Spiele den Effekt im Rechner durch — einmal mit dem aktuellen Bestand, einmal mit 15 – 30 % weniger. Der Effekt auf Lagerkostensatz und Kapitalbindung ist eindeutig.